Was Kinder vor dem Schulstart wirklich brauchen
- Sonja Wagesreiter

- 10. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
7 Dinge, die ich dir als Lehrerin und Lerntherapeutin mitgeben möchte
Die letzten Ferienwochen beginnen und plötzlich ist er wieder da: der Gedanke an die Schule.
Vielleicht holst du noch schnell ein Ferienheft hervor. Du kontrollierst die Schulsachen. Du überlegst, ob dein Kind nicht doch noch ein bisschen lesen, rechnen oder schreiben üben sollte. Und irgendwo zwischen neuen Heften, Stundenplan und der Frage nach der richtigen Schlafenszeit entsteht dieses Gefühl:
Wir müssten uns jetzt irgendwie auf die Schule vorbereiten.
Nach vielen Jahren als Lehrerin und aus meiner Arbeit als Lerntherapeutin sehe ich das heute etwas anders.
Ein guter Schulstart beginnt für mich nicht damit, möglichst viel Stoff aus dem vergangenen Schuljahr zu wiederholen.
Er beginnt damit, dass dein Kind innerlich wieder in einen Zustand kommt, in dem Lernen möglich wird.
Denn Kinder brauchen zum Lernen nicht nur Wissen. Sie brauchen Sicherheit, Selbstvertrauen, Strategien und die Erfahrung:
Ich weiß, was ich tun kann, wenn etwas schwierig wird.
Deshalb kommen hier sieben Dinge, die ich dir vor dem Schulstart wirklich empfehlen möchte – und manche davon haben erstaunlich wenig mit klassischen Schulübungen zu tun.
1. Erinnere dein Kind zuerst daran, was schon gelungen ist
Wenn die Schule näher rückt, richtet sich unser Blick schnell auf das, was noch nicht ganz sitzt:
Das Einmaleins müsste eigentlich noch besser gehen.Beim Lesen fehlt noch ein bisschen Routine. Die Rechtschreibung sollten wir auch wieder einmal anschauen.
Versuch es dieses Jahr einmal andersherum.
Nimm gemeinsam mit deinem Kind ein Blatt Papier und schreibt drei Sätze darauf:
Das konnte ich vor einem Jahr noch nicht.
Das kann ich heute.
Das hat mir geholfen, es zu lernen.
Vielleicht hat dein Kind schwimmen gelernt. Eine schwierige Rechnung verstanden. Ein Buch selbst gelesen. Einen Streit gelöst. Sich etwas zugetraut, das vorher noch schwierig war.
Warum ist das so wertvoll?
Weil dein Kind dadurch nicht nur hört:
„Du kannst das.“
Es entdeckt echte Beweise dafür, dass es lernen und sich entwickeln kann.
Und genau diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist eine wichtige Grundlage für Motivation.
Mein Tipp deshalb:
Bevor ihr schaut, was noch fehlt, macht erst sichtbar, wie viel dein Kind bereits geschafft hat.
2. Schau einmal genau hin, was dein Kind tut, wenn es nicht weiterweiß
Das ist eine meiner liebsten kleinen Übungen für Eltern.
Gib deinem Kind eine kleine Aufgabe, die grundsätzlich machbar ist. Ein Rätsel, eine Rechenaufgabe, eine Bauanleitung oder etwas Kniffliges aus dem Alltag.
Und dann mach etwas, das oft gar nicht so leicht ist:
Hilf nicht sofort.
Beobachte.
Was passiert, wenn dein Kind nicht gleich weiterweiß?
Liest es noch einmal?
Probiert es eine andere Möglichkeit?
Fragt es sofort nach Hilfe?
Wird es unruhig oder wütend?
Sagt es schnell: „Ich kann das nicht“?
Oder versucht es selbst, einen Weg zu finden?
Diese wenigen Minuten können dir manchmal mehr über das Lernverhalten deines Kindes zeigen als eine Schulnote.
Denn langfristig ist nicht nur entscheidend, was dein Kind weiß.
Entscheidend ist auch:
Was tut es, wenn es etwas noch nicht weiß?
Genau hier beginnt selbstständiges Lernen.
Frag deshalb nicht sofort:
„Soll ich dir helfen?“
Sondern lieber:
„Was könntest du als Erstes versuchen?“
Mein Grundsatz dabei ist:
Hilf deinem Kind nicht immer zuerst bei der Aufgabe.
Hilf ihm dabei, sich selbst helfen zu lernen.
3. Der beste Lernplatz ist nicht unbedingt der schönste
Vor Schulbeginn werden Kinderzimmer umgeräumt, Stifte sortiert und wunderschöne Lernplätze eingerichtet.
Und natürlich darf ein Lernplatz schön sein.
Aber aus Lernperspektive ist eine andere Frage wichtiger:
Hilft dieser Platz deinem Kind dabei, sich zu konzentrieren?
Ein Schreibtisch muss nicht aussehen wie ein Pinterest-Foto.
Für viele Kinder gilt sogar:
Weniger ist mehr.
Zu viele Poster, Spielsachen, bunte Boxen, Zettel und Gegenstände im direkten Blickfeld können zusätzliche Reize schaffen.
Mein Tipp für einen guten Lernplatz:
eine möglichst freie Arbeitsfläche,
nur das Material, das gerade gebraucht wird,
ein fester Platz für Schulsachen,
gutes Licht,
möglichst wenige Ablenkungen direkt vor dem Kind,
ein kleiner „Parkplatz“ für Dinge, die gerade nicht zur Aufgabe gehören.
Und ganz wichtig:
Nicht jedes Kind lernt am besten, wenn es lange völlig still auf einem Stuhl sitzt.
Manche Kinder brauchen zwischendurch Bewegung, einen Positionswechsel oder eine kurze Aktivierung.
Frag deshalb nicht nur:
„Ist der Lernplatz schön?“
Sondern:
„Hilft dieser Platz meinem Kind dabei, gut ins Lernen zu kommen?“
4. Lass dein Kind Wissen aus dem Kopf holen
Wenn wir vor Schulbeginn etwas wiederholen möchten, passiert oft Folgendes:
Heft auf.Regel lesen.Beispiel anschauen.Arbeitsblatt machen.
Dabei gibt es eine sehr wirksame Lernstrategie, die viel zu selten bewusst genutzt wird:
Erst erinnern – dann nachschauen.
In der Lernforschung spricht man dabei von Retrieval Practice.
Das bedeutet: Dein Kind versucht zuerst, Wissen aktiv aus dem Gedächtnis abzurufen, anstatt etwas immer wieder nur zu lesen.
Probier dafür meine kleine 5-Minuten-Lernaktivierung:
1 Minute:„Was weißt du darüber noch?“
2 Minuten:Dein Kind erzählt, zeichnet oder schreibt alles auf, was ihm einfällt.
1 Minute:Jetzt schaut ihr im Buch oder Heft nach.
1 Minute:„Was möchtest du noch ergänzen?“
Fertig.
Kein langer Lernnachmittag.
Kein Ferienarbeitsblatt-Marathon.
Nur fünf Minuten, in denen das Gehirn wieder übt, Wissen aktiv abzurufen.
Denn Lernen bedeutet nicht nur, Informationen hineinzubekommen.
Es bedeutet auch, sie wiederzufinden, wenn wir sie brauchen.
5. Mach aus Unsicherheit einen Plan
„Freust du dich schon auf die Schule?“
Diese Frage hören Kinder vor Schulbeginn ständig.
Aber nicht jedes Kind freut sich nur.
Manche Kinder freuen sich und sind gleichzeitig nervös. Manche denken an die neue Lehrperson, die Klasse, Hausaufgaben, Tests oder daran, ob sie alles schaffen werden.
Wenn dein Kind Sorgen äußert, hilft ein Satz wie
„Du brauchst keine Angst zu haben“
oft weniger, als wir glauben.
Versuch stattdessen etwas Konkreteres.
Entwickelt gemeinsam kleine Wenn-dann-Pläne.
Zum Beispiel:
Wenn ich eine Aufgabe nicht verstehe, dann lese ich sie noch einmal langsam.
Wenn ich danach noch nicht weiterweiß, dann frage ich nach.
Wenn ich bei der Hausübung richtig wütend werde, dann mache ich kurz Pause.
Wenn ich am ersten Schultag nervös bin, dann erinnere ich mich daran, dass …
Damit bekommt dein Kind nicht die unrealistische Botschaft:
„Es wird nichts Schwieriges passieren.“
Sondern:
„Auch wenn etwas schwierig wird, weiß ich, was ich tun kann.“
Und genau das schafft Sicherheit.
6. Übt nicht nur Lernen – übt den Lernstart
Das klingt vielleicht ungewöhnlich, ist aber aus meiner Erfahrung unglaublich wichtig.
Viele Kinder scheitern bei der Hausübung nämlich gar nicht zuerst an Mathematik oder Deutsch.
Sie scheitern schon vor dem ersten Beispiel.
Die Schultasche liegt irgendwo.
Der Bleistift fehlt.
Das Kind hat Hunger.
Dann möchte es noch schnell spielen.
Du erinnerst zum dritten Mal an die Aufgabe.
Und nach 20 Minuten sind alle genervt – obwohl noch gar nichts gelernt wurde.
Deshalb lohnt es sich, vor Schulbeginn nicht nur Lernstoff zu wiederholen.
Übt einmal ganz bewusst:
Wie starten wir eigentlich ins Lernen?
Zum Beispiel:
Nach Hause kommen.
Schultasche an ihren Platz.
Etwas essen und trinken.
Kurze Pause oder Bewegung.
Material herrichten.
Ein klares Startsignal (das kann auch der Lieblingssong sein!)
Dann beginnt die Aufgabe.
Je weniger Entscheidungen dein Kind jedes Mal neu treffen muss, desto leichter kann eine Routine entstehen.
Wir können Kindern nämlich nicht nur zeigen, wie man lernt.
Wir können ihnen auch beibringen:
Wie komme ich überhaupt ins Lernen hinein?
Und dieser Punkt wird meiner Erfahrung nach oft unterschätzt.
7. Stell nach der Schule andere Fragen
Dann beginnt das neue Schuljahr.
Dein Kind kommt nach Hause und du fragst:
„Wie war die Schule?“
Antwort:
„Gut.“
Gespräch beendet. 🙂
Probier dieses Jahr hin und wieder andere Fragen.
Zum Beispiel:
„Was war heute leichter, als du gedacht hast?“
„Wo hast du heute selbst eine Lösung gefunden?“
„Was hast du heute ausprobiert, obwohl du es noch nicht sicher konntest?“
„Was möchtest du morgen noch einmal versuchen?“
Damit lenkst du die Aufmerksamkeit deines Kindes nicht nur auf Ergebnisse.
Du richtest den Blick auf:
Fortschritt. Strategien. Mut. Entwicklung.
Und genau daraus kann nach und nach eine wichtige Haltung entstehen:
Nicht:
„Entweder ich kann es – oder ich kann es nicht.“
Sondern:
„Ich kann es vielleicht noch nicht. Aber ich kann etwas tun, um weiterzukommen.“
Mein wichtigster Wunsch für euch zum Schulstart
Nach vielen Jahren in der Schule und in meiner Arbeit mit Kindern und Familien habe ich eines immer wieder erlebt:
Dein Kind braucht keinen perfekten Schulstart.
Und du musst auch nicht alles perfekt vorbereiten.
Dein Kind muss am ersten Schultag nicht schon wieder auf hundert Prozent funktionieren.
Was Kinder brauchen, ist vielmehr das Gefühl:
Ich werde gesehen.
Ich darf Fehler machen.
Ich kann lernen.
Ich weiß, was ich tun kann, wenn etwas schwierig wird.
Und jemand traut mir zu, meinen eigenen Weg zu finden.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage in den letzten Ferienwochen nicht:
„Was müssen wir noch üben?“
Sondern:
„Was hilft meinem Kind, mit einem guten Gefühl ins neue Schuljahr zu starten und zu denken: Ich schaff das?“
Denn genau dort beginnt für mich ein starker Schulstart.
Stark in der Schule – ohne mehr Druck
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Denn Lernen darf sich wieder leichter anfühlen.
Sonja Wagesreiter
Lehrerin · Integrative Lerntherapeutin · Gründerin der LearnFlow Akademie



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